Vanessa Mai – Regenbogen


Es ist da: Regenbogen – das neue Album von Vanessa Mai. Ab heute ist das neue Album der Popschlager-Sängerin, die ehemals als Wolkenfrei auf den Bühnen unterwegs war, in den Läden und auf den Streaming-Portalen verfügbar. Die Albumrezension jetzt hier auf Schwedenschlager.de.

„Willst du gelten, mach dich selten“. Während Schlager-Schwergewicht Helene Fischer diesen wohlgemeinten Rat befolgte und sich ein Jahr lang komplett rarmachte, tat Vanessa Mai das genaue Gegenteil. Seit sie sich 2015 ihrer Bandkollegen von „Wolkenfrei“ entledigt hat, erfreut uns die 25-Jährige mit schonungsloser Dauerpräsenz. Silbereisen, Fernsehgarten, und insbesondere bei RTL ist die zierliche Sängerin dauerpräsent. Damit es nach „DSDS“ und „Let’s Dance“ nicht allzu bald in den australischen Dschungel geht, bastelt Manager Andreas Ferber weiter emsig an der Karriere seiner Liebsten.

Über den Regenbogen von Wolkenfrei zu Vanessa Mai

16 Monate nach „Für dich“ erscheint mit „Regenbogen“ das nunmehr vierte (die beiden „Wolkenfrei“-Alben einberechnet) Album der Baden-Württembergerin in dreieinhalb Jahren. Die Erfolgsformel von Stiefmama Andrea wird dabei der Einfachheit halber kopiert: Überschaubares Stimmvolumen trifft auf simpel gestrickte Bohlen-Boller-Beats. Ob das auch für Album zwei Made in Tötensen gilt? 

Vanessa Mai in pinkem Kleid sitzend
Vanessa Mai – das neue Album „Regenbogen“ (c) Ariola

„Und wenn ich träum“ *****

Die erste Vorab-Single erschien bereits im Frühjahr, hinterließ aber kaum Eindruck. Kein Wunder: Der dreiste Klon der bisher erfolgreichsten Mai-Single „Ich sterb‘ für dich“ (Top 40 in Deutschland) geriet selbst für Bohlen-Verhältnisse erschreckend einfallslos. Trotz Hochglanz-Video und ausgedehnter TV-Promotion blieb dem lauen Aufguss ein Einstieg in die Single-Charts verdientermaßen verwehrt.

„Regenbogen“ *****

Sternenhimmel, Wolken, lyrisch serviert uns der Titeltrack gewohnte Bohlen-Ware von der Stange („Für dich“, anyone?). Musikalisch modern verpackt mit angesagtem Tropical-House-Glockenspiel. Gefällige Nummer in Moll.

„Nie wieder“ *****

Knapp vier Minuten säuselt sich Mai in der zweiten Vorab-Single durch einen Song, der eigentlich schon nach kaum dreißig Sekunden auserzählt ist. Produktionstechnisch bewegen wir uns auf „DJ-Sammy-B-Seite-von-2009“ Niveau. Doch auch ohne das hektische Soundgebräu ist der substanzlose Titel dank seiner redundant-einfallslosen Melodie ein erschreckender Totalausfall, wie der Unplugged-Auftritt in der NDR Talkshow Ende Juli schmerzvoll unter Beweis stellte.

„Ich vermiss dich so“ *****

Hier wird nahtlos an den vorvorherigen Song angeknüpft. Sehnsüchtige Mollakkorde, eingängige Melodie und ein Zusammenspiel von herrlich altmodischen 80er-Synthies und Tropical-House aus der Jetztzeit. „Gefühle sind kein Risiko“, sinniert Fräulein Mai. Dieser Song ist es gewiss auch nicht.

„Sternenmeer“ *****

Zum ersten Mal wagt sich Vanessa aus der Schlager-Komfortzone. Klingt ein bisschen wie eine aufgemotzte NDW-Nummer. Auch textlich gibt es endlich mal etwas Abwechslung und schöne Metaphern („Wir sind wie Taucher im Korallenriff, das es zu entdeckt gilt“). Könnte so auch von Glasperlenspiel oder, mit etwas weniger kitschigen Lyrics, von Nena stammen. Bisheriges Album-Highlight. 

„Liebe fragt nicht“ *****

Wo wir grad bei Nena sind… Der Songtitel erinnert natürlich sofort an den bisher letzten Nummer-Eins-Hit von Frau Kerner. Ein Song, der so problemlos auch vor 20 Jahren hätte veröffentlicht werden können. Gefälliger Midtempo-Mix aus Schlager, Pop und ganz zarten Rockelementen.

„Echo“ *****

Das „Bad Romance“-Gedächtnis-Synthieriff bollert verlässlich durch diese abermals an die 80er angelehnte Dancepop-Nummer. Im Refrain schimmert „I just died in your arms tonight“ durch. Aufhorchen lässt der Mittelteil nach dem zweiten Refrain, bei dem Vanessa Kylie Minogue Konkurrenz zu machen scheint. Fans von eingängigen Powerschlager der Marke „Klotzen-statt-Kleckern“ kommen hier voll auf ihre Kosten.

„Dieser eine Augenblick“ *****

Der Beginn liefert den Beweis, dass Frau Mai die tiefen Töne durchaus gut zu Gesicht stehen. Ansonsten zeichnet sich dieser abermalige Midtempo-Popschlager aber vor allem durch gepflegte Langeweile aus.

„Schönster Moment“ *****

Ein paar hübsche Stimmeffekte, die allerdings nicht wie so oft üblich inflationär verwendet werden (lediglich nach dem finalen Chorus). Sehr zeitgemäß, fast schon ein bisschen housig, mit druckvoll-tanzbaren Beats. Der raffinierte Text fügt sich gut ein in das überzeugende Gesamtpaket.

„Wenn das wirklich Liebe ist“ *****

Auch hier machen Vanessa samt Team nicht viel verkehrt. Bewährtes Rezept: In der Strophe wird mehr gesäuselt als gesungen, als Kontrast im Refrain dann viele hohen Passagen. Wehmutstropfen: Der Chorus hebt sich nicht genug von den Strophen ab. Netter Song für Zwischendurch, aber kein Highlight.

Vanessa Mai mit gefalteten Händen
Vanessa Mai – das neue Album „Regenbogen“ (c) Ariola

„Wolke“ *****

Es geht mal wieder hoch hinaus. Mit „Wolke 7“ startete Vanessa vor zwei Jahren ihre Solokarriere. Auch heute gehört der Song zu den beliebtesten in ihrem zugegeben noch überschaubaren Repertoire. Die abermalige Hommage an die Vermittler zwischen Niederschlag und Verdunstung fällt im Vergleich deutlich ab. Nach vielversprechend-verspieltem Intro gibt es Midtempo-Schlager von der Stange.

„Unbekannter Engel“ *****

Ein glasklares Album-Highlight dank eines sehr eingängigen Refrains. Auch das Arrangement klingt frisch und nicht so austauschbar wie einige andere Nummer auf „Regenbogen“. Erinnert am stärksten an die früheren „Wolkenfrei“-Nummern.

„Nachts an meinem Fenster“ *****

Ausnahmsweise singt Vanessa hier mal keine „Heile Welt“-Lyrics, sondern lässt sehnsüchtig eine zum Scheitern verurteilte Liebe Revue passieren. Musikalisch gefällige Angelegenheit.

„Ja bei Nacht da leuchten all die Sterne“ *****

Fans des melancholischen Modern Talking Sounds kommen hier zumindest in den Strophen auf ihre Kosten. Im Chorus geht es dann doch wieder ziemlich schlageresk zu. Die Strophen erinnern etwas an den ersten Soloerfolg „Wolke 7“.

„Unser Lied“ *****

Interessantes Intro mit dezenten E-Gitarren. Auch im weiteren Verlauf werden die üblichen Schlagersounds mit einigen organischen Klängen kombiniert, was sehr gut funktioniert. Dank eines auf dem Punkt komponierten Refrain inklusive Mitsingkompatiblem Text mit vielen „Ohh Ohhs“ sticht die drittletzte Nummer positiv heraus.

„Ich hatte niemals gedacht“ *****

Die erste klassische Ballade lässt lange auf sich warten. Der erste Key-Change auch. Voilá! Und schon im Intro wird deutlich: Bohlen hatte noch was in der Schublade. Hätte vor schlappen 14 Jahren auch wunderbar als Nachfolgesingle zu „Für dich“ von Fräulein Catterfeld funktioniert. Das scheint Vanessa ähnlich zu sehen, denn auch stimmlich kommt sie der Blondine hier sehr nahe. Zeitlose Schnulze mit Bombast-Abschluss.

„Ich kann heut Nacht nicht schlafen“ *****

Zum Abschluss gibt es gleich die nächste Ballade hinterher. Und die klingt zu Beginn so, als hätte Herr Frankfurter noch was für seine größte Entdeckung im Köcher gehabt. Nett-niedlicher Abschluss des Albums, der das Rad nicht neu erfindet, aber Vanessas Stimme gut zur Geltung kommen lässt.

TOP 3:

„Unser Lied“

„Echo“

„Unbekannter Engel“

FLOP 3:

„Nie wieder“ (mit Abstand)

„Dieser eine Augenblick“

„Wolke“

Fazit zu Vanessa Mai Regenbogen

Großer Schwachpunkt des Albums sind die oft sehr einfältigen, lieblosen Poesiealbum-Texte. In der Vor-Bohlen-Ära waren Songtexte wie „Jeans, T-Shirt und Freiheit“ oder „Der Zaubertrank ist leer“ zwar auch nicht Pulitzerpreisverdächtig, boten aber immerhin etwas Abwechslung und ein paar schöne Metaphern. Jetzt wird in nahezu jedem Song das lyrische Du mit plattgewalzten Allerwelts-Floskeln angesungen. Fans von Dieter Bohlen werden die zahlreichen Anleihen an Eurodisco der 80er und 90er goutieren.

Vanessa Mai unterstreicht mit ihrem neuen Album ihren Ruf als „Schlager-Prinzessin“, aber auch, dass sie sich weiterhin nicht anschickt, Helene Fischer ernsthafte Konkurrenz machen zu wollen. Dafür geht „Regenbogen“ an vielen Stellen dann doch zu sehr auf Nummer sicher. Einzig vier Songs stammen nicht aus der Bohlen-Schmiede – dass es dem Album stellenweise an Abwechslung fehlt, versteht sich da fast von selbst. 

Schade zudem, dass mit „Nie wieder“ der einzig wirklich miese Song des Albums als Vorabsingle auserkoren wurde.

Unterm Strich ein leichtverdauliches Schlagerpop-Album, dass mit einer fürs Genre modernen Produktion und vielen eingängigen Melodien durchaus zu überzeugen weiß. 

Gesamturteil: 3,5 von 5 Sterne 

 

 

Autor: Florian
Album erscheint bei: Ariola, SONY Music
Fotos: (c) Sandra Ludewig

Categories: Deutschpop,New Release,Review

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