Es ist endlich da: das neue Album von Michelle. Der April ist der Monat der Schlagerdiven. Jede Woche ein Duell um die weibliche Vorherrschaft im Reich des 4/4-Takts. Letzte Woche Andrea Berg gegen Beatrice Egli. Diese Woche Vanessa Mai gegen Michelle. Letztere gehört von allen am längsten zur Szene und veröffentlicht mit „Ich würd‘ es wieder tun“ nach 4 Jahren wieder ein neues Studioalbum (abgesehen vom ultimativen „Best of“ 2014 mit 7 neuen Songs).

Michelle ist die Königin des deutschen Popschlagers

Michelle profitiert ganz klar vom Schlagerboom der letzten Jahre. Nicht nur als DSDS-Jurymitglied (neben Konkurrentin Vanessa Mai) ist sie im TV zu sehen und letztes Jahr ging es für sie sogar wieder auf große Tournee. Die Jahre geprägt von Durchhängern, Skandalen und Zusammenbrüchen sind vorbei. Vom Bühnenabschied wie noch 2007 ist keine Rede mehr. Statt „Goodbye Michelle“ lautet das Motto passenderweise „Ich würd‘ es wieder tun“. Neues Album, neues Glück. (Foto (c) Polydor UMG / Text: Ansgar Kuhn)

Michelle Ich würd' es wieder tun Cover

Wir feiern das Leben ***** 

Sehr elektronisch, der Drum Computer gibt alles. Ich würde fast von Trance sprechen, sehr modern. Ein lebensbejahender Track, der sehr gut zur „neuen“ Michelle passt und auch als Opener die perfekte Wahl ist. Leider wird ‚der letzte Akkord‘ (eine Single von ihr von 1999) nicht aufgelöst, was den Song am Ende im Raum stehen lässt. Schade.

So schön ist die Zeit ***** 

Passend zum Trend alte Eurodance-Nummern in neue Deep House-Kleider zu zwängen, wird der 1995er-Hit „Scatman (Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop)“ hier zusammen mit neuen Melodien und Arrangements in einen herrlichen Sommertune verwandelt. Sehr gelungen dank frisch ausgezeichnetem „Produzent des Jahres“ Alex Christensen.

Der Deal ***** 

„Lover ja, was Festes nein“ sind nur die harmloseren Ausdrücke, die beschreiben um was für eine Art Deal es sich hier handelt. Für Schlagerverhältnisse schon sehr explizite Lyrics, aber für Frank Ramond noch fast harmlos, wenn man weiß was er schon für Ina Müller, Annett Louisan oder Barbara Schöneberger getextet hat. Die Musik ist weniger hart, aber macht gute Laune. Highlight: schöne lange hohe Töne auf der U-Silbe, wie sie Marianne Rosenberg nicht besser hinkriegt.

Ich würd‘ es wieder tun ****

Nun der Titeltrack. Eine groß orchestrierte Ballade wie ein Beitrag vom Sanremo Festival. Sehr bombastisch und groß aufgezogen. Ein Lied, das im Fernsehen sicherlich mit Pyro und Szenenapplaus begleitet würde.

Leben bis es weh tut *****

Sehr house-lastiger Beat im schnelleren Midtempo. Trotz dazu perfekt passender Harmonien wäre der Begriff Schlager hier unangebracht. Einfach ein sehr überzeugendes Stück im zeitgenössischen Sound. Und was wohl für Spielerein mit „Leben bis es weh tut, Liebe ohne Limit“ gemeint sind?

Tage wie Juwelen ***** 

Ein Cover des Siegersongs der letzten, ziemlich gefloppten Popstars-Band Leandah, der es nicht mal in die Charts geschafft hat. Also quasi ein noch unbekanntes Lied, das hier seine zweite Chance erhält und dabei sicherlich auf mehr Resonanz treffen wird. Wieder ein Beispiel für das Verschwimmen der Genregrenzen. Ein tief treibender Beat, der aber trotzdem radiotauglich bleibt. Sehr gelungen.

So fühlt sich ewig ****

Ein Song vom King of handmade Pop: Peter Plate. Die ersten Töne klingen auch direkt ein bisschen nach Rosenstolz. Hätte auch gut zu Sarah Connors Album gepasst. Die Handschrift ist jedenfalls unverkennbar, der Rhythmus nicht zu schnell und nicht so langsam. Und es gibt einen Keychange gibt es auch, wie schön.

Du machst mich süchtig ****

Es wird wieder leicht elektronischer. Glasperlenspiel-Sound nenn ich es jetzt mal. Schon fast etwas gewöhnlich, aber passenderweise auch irgendwie süchtig machend.

Zirkus (für dich) ***** 

Nochmal Alex Christensen. Ein sehr modernes Soundbett mit Dance-Elementen. Später spielt sogar eine Hammondorgel und ein Akkordeon mit. Hab ich so auch noch nicht gehört. Pluspunkt dafür. Der Text nimmt natürlich jedes Zirkus-Klischee mit. Die Zeile „für dich lass ich den Tiger raus“ hat man auch schon oft gehört.

Ewig im Moment ***** 

Wieder moderner Uptempo in melancholischer Atmosphäre. So langsam gehen mir die Superlative aus. Es ist einfach top produziert.

Irgendjemand ****

Midtempoballade mit wirklich berührender Mutmach-Botschaft: „Für die Welt bist du irgendjemand, doch für irgendjemand bist du die Welt“. Grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber da wollen wir mal nicht so sein.

Steh dazu ****

Nun ein Lied für die Kernzielgruppe. Die CSD-Hymne für die nächste Saison? Der Text wartet auf mit Stichworten wie „Romeo“ und „regenbogenbunt“, der Beat entsprechend tanzbar, mehr braucht man dazu eigentlich nicht sagen. Michelle wird sogar bei den Urhebern genannt, aber für die Höchstnote fehlt der letzte Kick in der Hook.

Mit „Ich würd‘ es wieder tun“ veröffentlicht Michelle Album Nr. 15

Tiefer ****

Hier waren u.a. sowohl Helene Fischer-Texter Tobias Reitz als auch Ela von Elaiza am Werk, spannende Kombi. Ähnlicher Sound wie die anderen Uptempo Songs der Marke ‚Deep House Pop‘. Kleine Schwächen im Refrain verhindern die Höchstnote.

Hör nie auf zu lieben ****

Wieder etwas weniger elektronisch, mehr Liveband-Atmosphäre mit markantem Schlagzeug. Michelle trumpft hier mit ihrer Stimme auf und steigert sich richtig rein.

Träume haben Flügel ***** 

Wer bislang die „alte“ Michelle vermisst hat, hier schaut sie kurz vorbei. Eine klassische Michelle-Ballade mit Orchester, wie sie aus jedem Jahr ihrer Karriere stammen könnte. Ritardando zum Refrain. Reizvoll! Hymnische, hohe Hook mit Halbtonschritt. Himmlisch!

Alle Träumen ****

Und direkt nochmal eine Ballade hinterher, und nochmal mit Ela(iza). Nicht ganz so klassisch wie „Träume haben Flügel“, etwas moderner. Plätschert eigentlich so ein bisschen vor sich hin, bis in der Bridge plötzlich bombastische E-Gitarren einsetzen und das Ganze auf eine neue Dimension heben. Keychange. Danke.

Vergiss mich nicht ****

Nach zwei Balladen endlich wieder was Schnelles. Ein Diskofox für die Tanzfläche. Von der Melodie her vielleicht der schlagermäßigste Song auf dem Album, aber natürlich modern arrangiert. Meine erste Assoziation war Wolkenfrei und tatsächlich; es ist derselbe Produzent.

Verschätzt ***** 

Ja, hier habt ihr euch verschätzt. Trotz guter Produktion leider etwas einfältig. Kein Höhepunkt auf dem Album und kein Höhepunkt im Song. Und viel zu viel „ohohoho“.

Trotzdem ***** 

Welch seltenes Wort im Titel eines Songs. Eine mit viel Chor schön mehrstimmig gesungene Ballade. Besonders markanter Kontrast: extrem hoch gesungene Stellen von Michelle, aber ein sehr tiefes Bass-Arrangement. Und eine A-Capella-Stelle. Trotz erneuter Mitwirkung von Alex Christensen ist das hier alles andere als 08/15.

Das süße Leben ****

Und nun last but not least: ein Song vom Godfather of Schwedenschlager. Thomas G:son. Wie hier wohl die Zusammenarbeit entstand? Herr Gustafsson liefert ab, aber die schwedische Handschrift höre ich gar nicht unbedingt raus. Moderner EDM mit Schlager-Aroma, leider ohne Keychange.

Gesamtbewertung „Ich würd‘ es wieder tun“: ***** 

Man merkt, dass viel Geld investiert wurde. Obwohl eine bunte Mischung diverser hochkarätiger Komponisten daran mitgewirkt hat, ist das Gesamtpaket sehr rund. Ein hervorragend produziertes Album mit top modernen Sounds, insbesondere bei den schnellen Nummern. Teilweise sehr ungewohnt für jemanden wie Michelle, die wirklich aus dem klassischen Schlager stammt. Bei den Balladen kann man die alte Michelle noch teilweise entdecken, aber die schnellen Nummern sind kaum noch mit früheren Produktionen zu vergleichen. Das Album bzw. Michelle ist ein sehr gutes Beispiel, an dem man sehen kann wie sehr sich der Schlager verändert hat, denn so klingt „Schlager“ im Jahr 2016.

Mir gefällt die melancholische Grundstimmung, die viele Songs ausstrahlen. Die Qualität der Songs ist ausgesprochen hoch und von vorne bis hinten konstant, weshalb es mir schwer fällt einzelne Highlights herauszupicken.

Diese Besprechung zum Michelle-Album „Ich würd’ es wieder tun“ erschien zuerst auf schwedenschlager.de, Bild (c) Electrola, UMG

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