Helene Fischer – Helene Fischer (Album)


Mit „Helene Fischer“ veröffentlichte Helene Fischer den langerwarteten Nachfolger zum Atemlos-Longplayer „Farbenspiel“. Hier ist die Schwedenschlager-Rezension zum neuen Helene Fischer-Album.

Es ist das Schlageralbum des Jahres. Oder einfach DAS Album des Jahres. Verkaufszahlen in Rekordhöhe. Der Beste Albumstart seit Grönemeyers „Mensch“ 2002. Nachdem der Vorgänger „Farbenspiel“ über 2 Millionen (!) Mal verkauft wurde und seit Veröffentlichung im Jahr 2013 ununterbrochen (!) in den deutschen Charts residiert sowie mehrfach die Jahrescharts anführte, waren die Erwartungen an das neue Album wahrscheinlich so hoch wie noch bei keinem anderen Album.

Helene Fischer beim Melodifestivalen?

Kann nochmal ein Überhit wie „Atemlos durch die Nacht“ gelingen, der mittlerweile sogar als junger Evergreen bezeichnet werden kann und in diversen Übersetzungen es sogar bis ins Ausland und ins Melodifestivalen (wir berichteten) schaffte?

Lange wurde daran gearbeitet, lange wurde darauf gewartet. Am 12. Mai, ausgerechnet in der ESC-Woche, veröffentlichte das Nonplusultra des deutschen Schlagers dann endlich ihr siebtes Studioalbum und nannte es ganze einfach: Helene Fischer. Und falls es jemand noch nicht gehört hat, folgt hier nun etwas verspätet die große Song-für-Song-Analyse.

Cover mit blonder Helene Fischer
Helene Fischer mit ihrem Album „Helene Fischer“

 

Nur mit dir *****

Als eine der zwei zeitgleich mit dem Album veröffentlichen Singles, gelang mit diesem Powersong natürlich der Einstieg in die Singlecharts. Ein wunderbarer Opener. Kraftvoll, poppig, sogar ein bisschen Dubstep „light“ in der Bridge. Soundspielereien ähnlich wie im Bassflow-Remix von „Atemlos“. Genau das, was man von diesem neuen Album erwartet.

Keychange: Nein.

Sonne auf der Haut *****

Aus der Feder von Atemlos-Schöpferin Kristina Bach. Guter Albumfüller, minimal weniger euphorisch als der Vorgängersong. Das Grundgerüst bietet moderne Beats, aber zwischendurch hört man doch den ein oder anderen vertrauten Schlager-Sound. Ein Refrain zum Mitsingen.

Keychange: Ja!

Wenn du lachst *****

Einer der drei Songs, die vorab Premiere bei Florian Silbereisens „Schlagercountdown“ im März 2017 hatten. Beginnt als Pianoballade, wird hinten raus groß aufgezogen mit Fanfaren und Gospelchor. Besteht eigentlich nur aus einem endlos wiederholten, jeweils neu abgewandelten Refrain. Endet auch wieder als Klavierballade.

Keychange: Zwei sogar! Allerdings beide bereits in der ersten Hälfte. 

Flieger *****

Auch bei Silbereisen vorgestellt, damals noch mit einem weniger überzeugenden Arrangement. Zum Glück hat man nochmal Hand angelegt und so macht der Titel gleich doppelt so viel Spaß. Erinnert am ehesten an „Unser Tag“ vom Vorgängeralbum. Ein Lied, bei dem man bei mehrmaligem Hören immer wieder noch etwas entdecken kann z.B. die „Hey“-Schreie im Hintergrund im Refrain. Textlich geht es dank Kristina Bach hier wieder nach oben, aber die Tonart bleibt leider gleich.

Keychange: nein

Herzbeben *****

Der bisher kommerziell erfolgreichste Song aus dem Album. Single- und Remix-Auskopplung, Germany’s Next Topmodel-Finale, ESC-Pre-Party und DFB-Pokalfinale sei Dank. Angeblich (alleine) komponiert von Schauspielerin Stephanie Stumph. So wurde es zumindest in der NDR-Talkshow dargestellt. In den Credits finden sich aber noch weitere Namen. Nun denn: Der bisher elektronischste, vom Schlager vielleicht entfernteste Song, den Helene je aufgenommen hat. Damit werden auf jeden Fall nochmal neue Zielgruppen erreicht. Mir persönlich zu unmelodisch und zu monoton. Und seit wann betont man „Herzbeben“ auf der mittleren Silbe?

Keychange: nein

Wir zwei *****

Eine Midtempo-Hymne im Samba-Rhythmus von Erfolgsproduzent Ralf Rudnik. War ursprünglich für Michelle gedacht. Kann man sich auch mit ihrer Stimme gut vorstellen, aber Helene macht daraus besonders bei den langen Tönen ihr eigenes Ding. Bei Konzerten sicherlich erst gegen Ende zu hören. Ein Highlight des Albums.

Keychange: nein

Schon lang nicht mehr getanzt *****

Klassisches Helene-Material von Helenes bisherigem Haus- und Hofproduzenten Jean Frankfurter. Hätte so auch auf jedem bisherigen Album drauf sein können. Balladenfreunde werden hieran ihre Freude haben. Pluspunkt für den Tonartwechsel und das Akkordeon.

Keychange: ja

Viva la vida *****

Als sie diesen Song im März bei Silbereisen vorab vorgestellt hat, war ich schon ein wenig enttäuscht. Nach so langer Pause hab ich von der Königin eindeutig mehr erwartet. Für mich ein durchschnittlicher Sommersong. „Te quiero“ meets „Marathon“, Teil 2. Möchtegern-Latino und dann so banale Lyrics wie „weil ich das Leben so mag“. Das geht besser.

Keychange: nein

Mit dem Wind *****

Mit einem leichten Country-Einschlag und einer großen Portion von „echten“ Instrumenten, hebt sich der Uptempo-Song von den vielen durchproduzierten Songs auf dem Album ab. Die Aufbruchsstimmung kommt gut rüber. Helene als abenteuerlustige, rastlose Vagabundin. Eine neue Facette.

Keychange: nein

Wir brechen das Schweigen *****

Trotz Madizin („Geiles Leben“) als ausgewiesene Produzenten, eine ausgesprochen harmlose Rock-Pop-Nummer. DER Albumfüller schlechthin. Ich glaube kaum, dass dieser Song einen bleibenden Eindruck in Helenes Œuvre hinterlassen wird.

Keychange: nein

Gib mir deine Hand *****

Ein bisschen Musical muss bei Helene natürlich auch immer sein. Eine ausgesprochen schöne, orchestrale Ballade, bei der sie ihre Stimme wieder voll zur Geltung bringen kann. Der Refrain beginnt tief und schraubt sich extrem hoch. Hier ist Stimmumfang gefragt.

Keychange: ja

Du hast mich stark gemacht *****

Extrem ruhige Ballade mit noch sanfteren Tönen als beim Song davor. Nur mit Klavier und minimalen Streichern begleitet, singt Helene hier einen persönlichen Dankestext an ihre Eltern. Schade, dass sie ihn nicht selbst geschrieben hat.

Keychange: nein

Achterbahn *****

Nach dem Auftritt im Let’s Dance-Finale fand dieser Song nun auch den Weg in die deutschen Single-Charts. Und das zurecht und viel zu spät. Absolutes Single-Material, auch wenn das Achterbahn-Thema schon mehr als ausgelutscht ist (genauso wie das Feuerwerk-Thema). Auch das Schlager-Trendwort „Lichtermeer“ darf nicht fehlen.
Das Songwriter-Team, welches sonst die dicken Beats für diverse Gangsta-Rapper produziert, verhalf schon Beatrice Egli mit „Federleicht“ zu ihrem zeitgenössischsten Song – nun durften sie auch bei Helene ran. Diese versucht sich hier nun erstmalig an homöopathischen Dosen von Autotune bzw. Vocoder im Refrain, was sich aber absolut stimmig in den Song einfügt. Für mich eines der besten Songs auf dem neuen Album.

Keychange: nein

Das volle Programm *****

Hab mich doch sehr gewundert, dass es so ein Titel nochmal auf das Album geschafft hat. Mit diesem typischen Jean-Frankfurter-(sprich: altbackenen) Material soll wohl die Fangemeinde der ersten Jahre (sprich: Generation Ü80) bedient und nicht vollends verprellt werden. Was mich bei diesem Titel am meisten stört, ist der Kontrast zwischen Strophe und Refrain, wo Erstere recht vielversprechend beginnt und dann durch einen abgedroschenen Hau-Drauf-Refrain plattgewalzt wird. Ein Song muss für mich rund sein, der hier ist es nicht.
Einziges Highlight: die Chorstellen.

Keychange: nein

Ich wollte mich nie mehr verlieben *****

Vom Titel her hätte man eine Ballade erwartet, aber es ist zum Glück doch ordentlich Tempo drin. Harmonisch dem „Flieger“ sehr ähnlich, allerdings mit einer etwas weniger einprägsamen Topline. Mitgeschrieben von Ela von Elaiza. Zeitgemäß gut, mehr kann man gar nicht dazu sagen. Kleiner Geheimtipp auf dem Album.

Keychange: nein

Lieb mich dann *****

Etwas austauschbare Pop-Ballade. Zumindest musikalisch. Textlich umso überzeugender, u.a. von der Königin höchstpersönlich verfasst. Außerdem fällt der Name Wincent Weiss in den Urhebern auf. Vermutlich der jüngste Mensch, der jemals an einem Helene Fischer-Song beteiligt war.

Keychange: nein

Die schönste Reise *****

Midtempo-König Peter Plate durfte schon auf dem letzten Album zwei Songs beisteuern, natürlich darf er auch diesmal nicht fehlen. Der Text ist wohl an ein fiktives Kind gerichtet. (War er Sarah Connor zu kitschig? Eigentlich eher ihr Repertoire, oder?) Man nimmt der kinderlosen Helene diese Mutmach-Hymne jedenfalls trotzdem voll ab.

Keychange: nein

Schmetterling *****

Zu Abwechslung mal ein leichter Sommertrack. Ein bisschen Chill Out-Musik für Zwischendurch. Auffällig, dass sich die Melodie fast nur um einen einzigen hohen Ton dreht („das zweigestrichene h“). Positiv: Bei den Komponisten gibt es ESC-Bezüge. Angegeben sind u.a. Ali Zuckowski („Rise Like A Phoenix“) und Mia Aegerter (Deutsche Vorentscheidung 2005).

Keychange: ja

Dein Blick *****

Auffälligster Song des Albums und gleichzeitig mein Lowlight. Ein flotter Countrysong, bei dem Helene affektiert tief singt. Isch möschte das nischt. Im Repertoire von Barbara Schöneberger wäre das okej, aber nicht bei Helene. Immerhin das erste Mal, dass es einen Coversong auf einem Studioalbum von Helene gibt. Es ist die deutsche Version von Hayden Panettieres „Telescope“ aus der amerikanischen Fernsehserie „Nashville“.

Keychange: nein

Mit jedem Herzschlag *****

Pianogeplätscher, gefolgt von leichten Beats und satter Orchestrierung. Das hier ist Helene Fischer, wie man sie kennt. Solide Ballade, die sicher live sehr gut ankommen wird. In der Studioversion fehlt mir aber das gewisse Etwas.

Keychange: nein

 

Sowieso *****

Jetzt wird es poppig. Wie man unschwer hört, war wieder LA BACH am Werk. Und hat wie immer abgeliefert. Sehr elektronisch, aber trotzdem melodisch (nicht wie „Herzbeben“), und ist von allen neuen Songs damit vermutlich dem Über-Song „Atemlos“ am nächsten und von allen Kristina-Bach-Songs auf dem Album am stärksten. #Herzattackennacht

Keychange: nein

Genau mein Ding *****

Satter Sound von Anfang an. Jean Frankfurter mal etwas moderner, mit Hilfe Thorsten Brötzmanns. Und der sonst bei Jean Frankfurter typische Strophen/Refrain-Kontrast ist hier minimal, im Gegenteil: Alle Songbestandteile sind perfekt aufeinander abgestimmt und ergeben einen schönen Spannungsbogen, insbesondere der Pre-Chorus („Alles wird möglich..“) ist Zucker! Genau mein Ding. Der melodiereiche Refrain geht ins Ohr. Auch hier hört man ein bisschen Michelle heraus. Leider ist der Song ganz am Ende der Platte fast ein bisschen zu versteckt. Hätte auch eine prominentere Platzierung verdient. Gerne im Tausch mit „Das volle Programm“.

Keychange: nein

Weil Liebe nie zerbricht *****

Helene liebt die ruhigen Nummern, das merkt man hier wieder ganz deutlich. Eine sinnlich vorgetragene Liebeserklärung an das lyrische Du mit ein bisschen Überlänge. Weil Helenes Stimme nie zerbricht…

Keychange: nein

Adieu *****

Welcher Song wäre passender als Abschluss gewesen? Eine Walzer-Ballade mit Karussell-Untermalung und frankophiler Chanson-Atmosphäre. Ein poetischer Text über eine vergangene Liebe und einen verlorenen Menschen in Paris. Ein bisschen wie in „Our Last Summer“ von ABBA. Ein Trauer- und Liebeskummersong zugleich. Melancholie pur.

Keychange: ja

Gesamtbeurteilung: *****

Mit 24 neuen Songs (auf der Deluxe Edition) wurde den Fans einiges geboten und somit jeder Geschmack irgendwie bedient. Man merkt deutlich, dass bei diesem Album mehr Geld in die Produktion geflossen und im Gegensatz zu früher viele verschiedene Songwriter und Produzenten beteiligt waren. Von den Vorgängeralben hebt sich diese Produktion nun deutlich ab. Alles klingt satter, verspielter, gewagter, erwachsener. Die Erfolgsformel, Schlager mit Pop zu verbinden, wurde zwar konsequent weitergeführt, aber nun mit einem deutlich höheren Pop-Anteil. Aber immerhin liegt der Schlager-Indikator, die Keychange-Quote noch bei ordentlichen 25 %.

Einen Überhit wie „Atemlos“ sehe ich zwar nicht, aber so einen Erfolg zu wiederholen, ist sicherlich auch ziemlich unwahrscheinlich. Und auch, wenn mit diesem Album das Schlagerrad nicht gänzlich neu erfunden wird, sind trotzdem viele tolle Ohrwürmer mit Hit- und Spaßpotenzial zu finden. Gut Gemacht, Helene! Und alles Gute zum 33.

Autor: Ansgar Kuhn
Beitragsfoto (c): Kristian Schuller
Album erscheint bei: Universal Music

Categories: Deutschpop,Review

Tags: ,,,