Knapp zwei Jahre nach ihrem letzten Album erscheint mit „Träume auf Asphalt“ das neueste Werk von Ella Endlich, pünktlich zu ihrer Teilnahme beim deutschen Vorentscheid zum ESC 2016.

Auch wenn die erste Single-Auskopplung „Adrenalin“ nicht „Unser Lied für Stockholm“ geworden ist, so wird der Auftritt sicherlich die Album-Verkäufe ankurbeln. Ein besserer Charteinstieg als beim letzten Mal (#92) sollte aber definitiv drin sein. Ella Endlich wollte sich weiterentwickeln und so gab es einen Produzentenwechsel. Zum ersten Mal entstand ein Album ohne ihren Vater, den Musikproduzenten Norbert Endlich, aktueller Lebensgefährte von Carmen Nebel. Das neue Produzententeam um Felix Gauder arbeitete in der jüngsten Vergangenheit bereits erfolgreich für Wolkenfrei und Fantasy und so betritt nun auch Ella Endlich mit diesem Album das Terrain des modernen Dance-Schlagers und versucht ihr „Küss mich, halt mich, lieb mich“-Zucker-Image abzulegen. Das klingt vielversprechend, aber eins vorneweg: Freunde des Keychange werden leider auf ganzer Strecke enttäuscht.

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Spuren auf dem Mond *****

Schon bei den ersten Takten spürt man, wo die Reise hingeht. Zwar nicht zum Mond, aber in Richtung 125 BPM. Ein starker Opener, der die Messlatte ziemlich hoch setzt. Moderner Dance-Schlager, mehr Dance als Schlager. Melancholische Melodie, die auch gut zu einer Ballade gepasst hätte. Einziger Wehrmutstropfen: minimale Reim-Schwächen. „Es sind Spuren auf dem Mond und bald sind wir wieder da, unsere Fahne steht im Staub und man sieht sie in der Nacht„. Nichtdestotrotz ein Highlight durch und durch.

Adrenalin *****

Das erste Aushängeschild des Albums, wenn auch kein allzu gutes. Ein ähnlicher Beat wie beim ersten Song, aber mit weniger Variation. Insgesamt nicht mehr als durchschnittlich. Ein Stampfer von der Stange nach bekanntem Muster. Sehr repetitiv und auch die Kopfstimme nervt nach dem zwanzigsten Mal. Ein Keychange hätte der Sache auf jeden Fall etwas Abwechslung und einen Höhepunkt gegeben. Die Zeile „Immerzu auf der Suche nach dem Sonnengold, unsere Träume auf Asphalt“ war namensgebend für das Album.

Ein Traum, ein Koffer und Benzin *****

Passend zum Songtitel beginnt das Intro mit einem startenden Automotor ehe der Midtempo-Beat einsetzt. Es wird deutlich ruhiger als bei den ersten beiden Songs, allerdings nicht weniger treibend. Ella singt über Neuanfang, Aufbruch, Ausbruch aus dem alten Leben und tut das überzeugend. Handy weggeschmissen, Facebook gelöscht und „ByeBye Berlin“. Textlich bisher am innovativsten. Musikalisch leichter AC-Pop fürs Radio.

Ein goldener Käfig *****

Und noch eine Spur ruhiger. Eine Ballade über Trennung. Er will sie verlassen, sie lässt ihn gehen. Es steigert sich kontinuierlich. Der Keychange-Moment ist da, aber er kommt einfach nicht, stattdessen ein Chor und ein langer Ton. Die Windmaschine macht sich schon bereit. Stimmlich kann Ella Endlich hier überzeugen, aber wie war nochmal die Melodie?

Heimatland *****

Wer hier eine Neuinterpretation der Nationalhymne erwartet, wird enttäuscht. Es geht weniger um ein Land als um einen Körper. „Dein Körper ist für mich mein Heimatland“. Liest sich schlimmer als es tatsächlich klingt. Inspiration holte man sich bei John Mayers „Your Body Is A Wonderland“. Der Beat ist solider Autoradio-Diskofox. Nichts, was das Rad neu erfindet.

Autobahn *****

Nein, es ist keine Coverversion des gleichnamigen Titels von KraftWERK. Vielmehr erinnern schon die ersten Takte an moderne EDM-Produktionen. Bisher der schwedischste aller Songs. Mitreißend, treibend, euphorisierend. Und es gibt Streicher! Weitere Besonderheit: ein Ende a capella.

Kein Liebeslied *****

Nein, es ist keine Coverversion des gleichnamigen Titels von KraftKLUB. Musikalisch schlägt man hier in die gleiche Kerbe wie beim vorigen Song. Synthie-Beats stampfen sich den Weg zu einer guten Atemlos-Kopie. Aber textlich und melodisch steht man hier fest auf eigenen Beinen. Tanzbarer Dance-Pop mit den Harmonien, die junge Schlagerherzen höher schlagen lassen. Nur die langen Töne klingen manchmal etwas anstrengend, aber das tut dem Ohrwurm keinen Abbruch und ist wahrscheinlich Gewöhnungssache.

Rot *****

Es wird weniger elektronisch. Leichter Gitarren-Pop. Meine erste Assoziation war Silbermond, sowohl stimmlich als auch textlich. „Es brennt noch, ich heul noch.“ Es geht um Trennung und man trennt sich auch von einer eingängigen Melodie. Schade.

Bist ein Feuerwerk *****

Ein weiterer Dance-Knaller, allerdings ohne richtige Explosion. Stark, aber vielleicht nicht ganz so stark wie die anderen Songs dieser Art. Ein sehr guter Albumfüller, dem aber auch ein Keychange geholfen hätte. Bemerkenswert jedenfalls, dass der Text auf jegliche Personalpronomen verzichtet.

Peter Pan *****

Und noch ein EDM-Schlager. Die Strophen versprechen mehr als der Refrain halten kann. Es beginnt wieder sehr atmosphärisch, fast minimalistisch mit einem „Atemlos-Beat“, baut Spannung auf, aber verliert sich dann im Chorus in einer Andrea-Berg-Melodie aus den 00ern. Und textlich geht es um das schon oft behandelte Kindheitsthema „Komm, wir fliegen ins Nimmerland“. Da wäre mehr drin gewesen.

Wer Flügel hat *****

Die zweite Ballade. Als einziger Track vom Produzententeam um Peter Plate, das schon Sarah Connor zu einem Comeback verhalf und zwei Songs zu Helene Fischers „Farbenspiel“ beigesteuert hat. Und genauso klingt es. Würde mich nicht wundern, wenn eine der beiden Damen diesen Titel sogar schon mal eingesungen hat. Aber nichtsdestoweniger berührend. Gut zum Runterkommen.

Flieger aus Papier *****

Zum Abschluss wird es ganz sentimental. Die dritte Ballade. Unplugged. Nur Klavier und Gitarre und Ellas Stimme. Ich kann mir das gut z.B. bei „Inas Nacht“ vorstellen. Leider wiederholt sich die Zeile „mit dem Alter werden wir jünger“ für mich etwas zu oft. Musikalisch und inhaltlich geht es leider kaum voran. Hat aber Potenzial ein Grower zu werden.

Felix M. Weber | Electrola
Felix M. Weber | Electrola

Insgesamt ein sehr hörenswertes, gut durchproduziertes Album mit Schwerpunkt auf Dance-Schlager-Pop und ohne wirklichen Durchhänger. So könnte Helene Fischers nächstes Album klingen. Auch erinnern viele Titel, nicht verwunderlich bei dem Produzenten, an Wolkenfrei bzw. Vanessa Mai. Es wird sich zeigen, ob Ella Endlich sich in derselben Riege etablieren kann. Auch wenn das Rad nicht neu erfunden wurde, gibt das Album starke Songs her, die ein breites Publikum verdient hätten. Paradoxerweise hat man den schwächsten Titel des Albums als Single ausgekoppelt. Die zweite Single kann nur besser werden z.B. mit „Spuren auf dem Mond“ oder „Autobahn“. Die Produktion ist sehr modern. Gerade die Uptempo-Songs klingen sehr schwedisch. Man hat versucht sich von Schlagerklischees loszulösen, was zum großen Teil gelungen ist. Keine Spur mehr von „Küss mich, halt mich, lieb mich.“ Die Texte sind selten kitschig. Auch kompositorisch gibt man sich zeitgemäß; so schreien viele Songs förmlich nach dem berühmten Halbtonschritt (Keychange), doch man hat ihn bewusst weggelassen. Leider, denn das hätte an der ein oder anderen Stelle doch noch Abwechslung reinbringen können, wo es an solcher gefehlt hat. Stimmlich gefällt mir Ella leise besser als laut. Das Céline-Dion-Vibrato bei langen Tönen empfinde ich manchmal als unangenehm, man muss es mögen. Die allgemeine Art zu singen erinnert in Teilen auch an Helene Fischer, und das ist ja schließlich nicht der schlechteste Vergleich. (Ansgar Kuhn)

Gesamtbewertung: 4 von 5

Das Album „Träume auf Asphalt“ ist ab sofort bei amazon auf CD und als Download erhältlich.

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